Was ist ein moderner Landwirt?

Die Frage nach dem „modernen Landwirt“ ist eine Frage nach dem Selbstbild, das wir oder ich als Landwirt habe. Sehe ich meine Zukunft darin, alle fortschrittlichen Möglichkeiten (oder sage ich Versuchungen) anzuwenden oder will ich die Tradition meiner Vorfahren bewahren?

Möglicherweise wollen wir Landwirte beides: Einerseits sehen wir uns nach wie vor in der Rolle des Ernährers, der immer bestrebt ist den Ertrag aus dem Boden und die Leistung seiner Tiere zu erhöhen, weil dies jahrhundertelang in der bäuerlichen Tradition richtig war. Andererseits haben wir nun aber enorme technische Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung und verwandeln mit deren Anwendung den früheren Mangel in eine heutige Überproduktion, die uns die Rentabilität unserer Arbeit kaputt macht.

Ist nun der technische Fortschritt der Übeltäter?

Ich denke nicht. Das Problem sehe ich darin, dass der technische Fortschritt im Wesentlichen von den Bauern nur für die Produktion eingesetzt wird. Würde die Autoindustrie z.B. High-Tech nur für die Produktion einsetzen, käme sie nicht weit. Nein, sie wenden diese Technologien selbstverständlich auch für Werbung, Vertrieb, Marketing, Logistik Vernetzung etc. an.

Farming 4.0 und traditionelles Denken

Am Beispiel der aufkommenden Digitalisierung können wir derzeit sehr gut sehen, dass sich am traditionsverhaltenen Rollenbild des Landwirts leider nichts ändert. Weithin wird die „Landwirtschaft 4.0“ beworben. Vor allem von Anbietern aus dem vorgelagerten Bereich um den Landwirt bei der Produktion zu unterstützen. Ich bin überzeugt, dies wird ein Erfolgsmodell werden. Aber wahrscheinlich mehr für die Anbieter als für die Landwirte. Doch möchte ich der anbietenden Industrie keinen Vorwurf machen. Ich kann selbst entscheiden, für welchen Zweck  ich den Fortschritt einsetze. Wenn ich die „Landwirtschaft 4.0“ auch z.B. für Vermarktung nachfrage, dann wird die Industrie auch entsprechende Produkte entwickelt und angeboten.

Mehrproduktion – es ist nie genug

Solange wir am traditionellen Rollenbild festhalten, erscheint es völlig plausibel fortschrittliches High-Tech zur Produktionssteigerung einzusetzen. Jedoch bei der Vermarktung bedient man sich gleichzeitig der mittelalterlichen Methode des „Ablieferns“. Der High-Tech-Bauer ist also demütig und nimmt das als Lohn für seine Arbeit, was ihm die „Obrigkeit“ zubilligt. Das hängt auch damit zusammen, dass der klassische Landwirt keine marktfähigen Produkte hat. 10.000 Liter Milch im Tankwagen sind einfach nur an spezialisierte Abnehmer zu verkaufen. Und diese Abnehmer haben eher ein Interesse an einem immer günstigen Rohstoff, als dem Landwirt kostendeckende Preise zu bezahlen. Die globalisierende Marktwirtschaft macht es der Lebensmittelindustrie auch sehr leicht die Rohstofflieferanten unter Preisdruck beliebig austauschen zu können. Gerade deshalb muss genau an der Stelle auch der „Flaschenhals“ mit einer Vernetzung von Erzeugung und Verkauf angegangen werden.

Marken und Vertrieb ergeben Marktmacht

Die Lebensmittelindustrie und der Lebensmitteleinzelhandel setzen nun ihrerseits alle fortschrittlichen Methoden ein um die veredelten Rohstoffe der Landwirtschaft profitabel zu vermarkten. Mit großartiem Marketing investiert man in die Köpfe und Herzen der Verbraucher die Werthaltigkeit von eigenen Marken. Es braucht lange, bis die Kuh lila ist. Aber irgendwann weiss jeder, dass die Produkte der lila Kuh einfach besser sind und mehr kosten dürfen. Über diese Maschinerie macht der traditionsverhaltene Landwirt eher blöde Witze, als dass er sich mit der Wirksamkeit von Markenstrategien befasst. Wie denn auch, denn Marketing und Markenlehre finden sich in keinem landwirtschaftlichen Ausbildungsplan, ge3nausowenig wie kaufmännische Grundfertigkeiten. Der Landwirt ist dem Gesetz nach ein selbstständiger Unternehmer, die wenigsten aber haben jemals in ihren Landwirtschaftsschulen die Wirkungsweisen von Warenwirtschaftssystemen kennengelernt, die bei heutigen Vertriebssystemen das zentrale Nervensystem stellen. Klassische Landwirte beklagen dagegen oft die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels (LEH). Diese heutige Marktmacht ist allerdings nicht gottgegeben, sondern sie basiert auf einem konsequent kundenorientierten Vertrieb, auf der Anwendung von effizienten Warenwirtschaftssystemen, auf  straffem Cash-Flow-Management und auf einer sehr schlagkräftigen Logistik. Von diesen modernen Techniken wendet der klassische Landwirt so gut wie nichts an, weil diese Tätigkeiten im traditionsverharrenden Berufs-Selbstbild des Landwirts keinen Stellenwert haben.

Umwege erhöhen die Ortskenntnisse

Nicht selten enthält die Vita von erfolgreichen Direktvermarktern Tätigkeiten oder Ausbildungen in kaufmännischen Berufen. Dadurch sind sie offensichtlich dann in der Lage Marketing und Vertrieb umzusetzen. Es liegt also nicht an der grundsätzlichen Unfähigkeit landwirtschaftlicher Unternehmer. Im Gegenteil: Sobald Bauern sich derartigen Herausforderungen stellen, wird die Modernität ganz schnell ganzheitlich angewendet. Urlaub auf dem Bauernhof (UaB) ist solcher Bereich, der eben nicht klassisch produktionssteigernd, sondern pragmatisch marktorientiert von engagierten Landwirten betrieben wird. Solche Landwirte leben dann zwar nicht mehr ausschließlich von landwirtschaftlicher Produktion. Aber sie erwirtschaften gutes Geld, das ihren Höfen eine Perspektive gibt, jenseits der ewigen Theorie „Wachsen oder Weichen“.

…könnten diese begabten Bauern nicht etwas Gescheiteres machen als Überschüsse zu produzieren?“

*Zitat vom ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky 1977

Wenn Modernität etwas mit technischem Fortschritt zu tun hat, dann müssen wir als Landwirte anerkennen, dass uns dieser Fortschritt viel mehr Möglichkeiten eröffnet als nur zu produzieren. Dann ist es Zeit sich mit diesen Möglichkeiten zu befassen und den berühmten Blick über den Tellerrand zu riskieren.

Alois

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Was ist ein moderner Landwirt, wie definiert er sich?
    Ich bin auf einem Bauernhof geboren und aufgewachsen. Ich war der Älteste und es zeichnete sich damals schon ab, dass sich bis zu einer bestimmten Betriebsgrösse die Milchwirtschaft nicht mehr lohnen würde. Nach der Schule begann ich auf eigene Faust mir eine Lehrstelle als Elektriker zu suchen, nach der Facharbeiterprüfung arbeitete ich dann als Servicetechniker mit weltweiten Einsätzen. Auf diesen Auslandsreisen war auch immer die dortige Landwirtschaft ein interessanter Aspekt, der mir auch oft eindrucksvolle Einblicke in die dortigen Gegebenheiten ermöglichte. In all den Jahren ist mir die Landwirtschaft nie fremd geworden, aber eine gewisser Blick von Aussen entstand dadurch schon und manche Probleme der Landwirtschaft sind die gleichen, wie die von gewerblichen Arbeitnehmern. Um es einmal polemisch auszudrücken: Diejenigen Leute, die für die eigentliche Wertschöpfung sorgen, haben immer weniger zu sagen und sind mehr oder weniger den verschiedensten Interessengruppen ausgeliefert. Wo beginnt jetzt der moderne Landwirt? Ist es modern, alle neuen Trends, technische Möglichkeiten, usw. mitzunehmen, den Betrieb technisch und finanziell bis zur Obergrenze auszureizen, um irgendwann ein Getriebener seiner selbst zu werden. Oder ist derjenige modern, der Bio zur Glaubensfrage erhebt und Biologischen Anbau über alles stellt? Ich glaube, im Moment gibt es nicht viele moderne Landwirte, wie sonst ist es zu erklären, dass sich ein ganzer Berufsstand ohne grosse Gegenwehr von vielen mehr oder weniger kompetenten Interessensverbände vereinnahmen und ausnutzen lässt. Von der Gesetzgebung ganz zu schweigen. Und dessen Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit oft katastrophal ist. Ob zu recht oder unrecht, interessiert in diesen unruhigen Zeiten niemanden. Der moderne Landwirt wird in erster Linie lernen müssen, sich selber besser darzustellen und zu vermarkten, vielleicht auch andere Strategien ausprobieren, vor allen Dingen offensiver und aggresiver an die Öffentlichkeit gehen. Diese ganzen sog. Tierschutz Organisationen oder Umwelt Organisationen machen es vor. Der Landwirt hat dabei fast immer nichts entgegenzusetzen. Das dabei rechtliche Grenzen überschritten, und der Wahrheitsgehalt dieser Organisationen nicht immer stimmt, wird fast immer unwidersprochen hingenommen. Jedenfalls erreichen diese Organisationen damit im Gespräch zu bleiben und zu polarisieren. Der moderne Landwirt wird lernen müssen, die Medien, egal welche, für sich einzusetzen. Die Blogs,wie Bauer Willi etc. sind sicher ein Schritt in die richtige Richtung, mir fällt aber auch bei diesen Blogs oft auf, dass sich manche Kommentarscheiber eher darüber aufregen, wie negativ in der Öffentlichkeit alles dargestellt wird, aber mit Alternativen dann auch wieder eher sparsam sind. In der Schule mußte ich einmal einen Aufsatz über Friedrich Wilhelm Raiffeisen schreiben, die Zeit in der er lebte war auch keine einfache, aber er erfand das Genossenschafts Prinzip und konnte damit vielen Betrieben helfen, die damals in Not geraten waren. Vielleicht wäre so ein Genossenschaftsmodell eine Möglichkeit für moderne Landwirte neue Wege zu gehen, sich zusammenzuschliessen für Themen wie Aussendarstellung, Imagebildung, sich neue Regeln für eine nachhaltigere Produktion zu geben, anstatt sich immer neuen Vorschriften und Bestimmungen zu unterwerfen, die auch jedesmal ein Stück selbstständiges Handeln wegnehmen. Je mehr Landwirte bereit wären, eingelaufene Pfade zu verlassen, umso größer würde der Nutzen sein und umso grösser wäre auch die Macht, die von der Politik eingeschlagenenen Wege einmal in Frage zu stellen. Der moderne Landwirt wird sich ganz anderen Herausforderungen in der Zukunft stellen müssen. Das gilt aber für alle Bereiche des Lebens, nicht nur für die Bauern.
    Viele Grüße aus Südtirol Günter

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