Die depressiv romantische Landwirtschaft

Landwirtschaft romantische Scheinwelt

Glückliche Kühe, fröhlich quiekende Schweine, schöne Sennerinnen, bärtig-gutmütige Bergbauern und Essen nach Großmutter-Art sind in Kinderbüchern ja ganz nett. Aber als Image-Werbung für uns Landwirte etwas daneben.

End-Täuschung vorprogrammiert

Denn: Begegnet der so geprägte Verbraucher tatsächlich mal einem Landwirt, dann thront der nicht selten 2 Meter hoch über ihm auf einem riesigen Stahlroß, für das er vielleicht sogar noch mehr oder weniger flüchtend als Fußgänger, Fahrrad- oder Autofahrer Platz machen muss.

Romantisierte Scheinwelt

Der Katholizismus sei Schuld an der romantischen Sichtweise auf unsere Landwirtschaft, sagt der ehemaligen EU-Agrarkommissar Fischler. Ganz unrecht mag er damit vielleicht nicht haben, aber der Papst hilft nun auch wenig das Problem zu lösen. Der Verbraucher ist nun einmal enttäuscht (die Täuschung hat ein Ende)  wenn er jodelnde Bauern erwartet und High-Tech-Traktor-Drohnen-Flieger vorfindet.

Können wir was ändern?

Meine Leser kennen wohl schon meine Empfehlung darauf: Natürlichkeit: authentisch + präsent sein.

Doch sind die Image-Kampagnen nach wir vor beliebt und werden, auch der Bequemlichkeit folgend, von den Landwirten selbst gefordert. Seit Jahrzehnten werden dazu tonnenweise Broschüren gedruckt, Tage der offenen Höfe abgehalten und eben mit dem besagten ländlichem Charme geworben.

Und? wenn das Fest vorbei ist?

Wir Landbewohner lassen uns da auch gern in klischeehafte Rollen fallen. Bestes Beispiel ist Laptop und Lederhose in Bayern. Als der gute Stoiber um die Jahrtausendwende sein „Bayern Online“ propagierte erfanden die Marketingfuzzies dieses Bild, das eigentlich Nur eines vermittelt:

Digital = Modern: Lederhose + Land = von gestern

Ein bisschen Wahrheit ist schon dabei, denn wir haben mittlerweile die Informationsgesllschaft und eine Netzkultur, an der sich die Landwirtschaft viel zu wenig beteiligt. Viele halten den Laptop nur zur Zierde. Leider auch mancher Verantwortliche.

Dominoeffekt im Bezug auf moderne Landwirtschaft

  1. Die Verbraucher sind enttäuscht und verlieren den Bezug
  2. Die Enttäuschten bilden romantisierende Gegenbewegungen, weil bei Urgroßvaters Hof war ja noch alles OK.
  3. Die zahlreich werdende Anti-Agrar-Front gewinnt politischen Einfluß
  4. Die zwanghafte Reglementierung nimmt zu
  5. Das gesellschaftliche und wirtschaftliche Anerkennung sinkt
  6. Die spürbare Ablehnung wirkt zunehmend depressiv auf das eigene Berufsbild

Depression ist Aggression gegen sich selbst

Wenn ich sehe, wie sich die Verfechter von romantischer Bio- und moderner Landwirtschaft mit teils religiösem Eifer bekämpfen, dann spiegelt das diese Depression wieder. Hervorgerufen aus dem riesigen Zwiespalt des High-Tech-Landwirt und des traditionellen Landmannes in derselben Person.

Die romantische Ader hat jeder

Darum finde ich im Allgäu auf der Startseite von Milchliefergemeinschaften romantische Bergwiesenbilder mit behorntem original Allgäuer Braunvieh, obwohl die meisten Milchkühe im Allgäu inzwischen ganzjährig im Laufstall (viele mit Melkrobotern) stehen und das alte original Allgäuer Braunvieh schon mal beinahe ausgestorben war.

Es geht hier nicht darum zu werten, sondern zu erkennen, dass wir viel zuwenig zu dem stehen was wir tun. Denn das Moderne ist beileibe nicht immer schlechter als das Romantische Alte. Es hat aber auch etwas mit Verantwortung zu tun zu dem zu stehen, was man tut.

Wenn ich nicht weiß ob es gut ist, dann setze ich mich damit auseinander und wäge ab.

Damit auseinandersetzen

Und hier gibt uns das Internet die Reichweite und Möglichkeit Spur aufzunehmen zu den Strömungen der Gegenwart. Ich meine dabei nicht (romantische) Hof-Homepages, sondern:

  • lest überregionale News (bitte nicht nur Lokalzeitung und Bauernblätter)
  • lest die Kommentare der Menschen, es sind die Verbraucher Deiner Agrarerzeugnisse
  • nehmt die Spur in den sozialen Medien auf
  • antwortet auf die Kommentare
  • respektiert diese Menschen, auch wenn Ihr sie als eure Gegner empfindet
  • zeigt Euch als Menschen, wie Ihr seid: Natürlich, intelligent, verantwortungsbewusst
  • bildet Eure EIGENE MEINUNG dazu
  • handelt verantwortungsbewusst
  • Tue Gutes und sprich darüber auch im Netz

Jeder Landwirt ist gefordert und nicht nur Politik und Verbände.

In diesem Sinne: Schaff Dir Dein Netz

Alois

 

Moderne milchbetonte Rinder auf der Alp

Moderne milchbetonte Rinder auf der Alp

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Seine eigene Meinung bilden. Das ist der springende Punkt.
    Schade dass es keinen realistischen „Opas Stall“ mehr gibt. Das Veterinäramt hätte diesen wahrscheinlich auch sofort stillgelegt so wie ich die Situation darin noch in Erinnerung habe.
    Sollte wirklich bei vielen Verbrauchen zum Vergleich vor Augen gehalten werden.
    Leider lieben Verbraucher nur die tollen, unwirklichen Bilder, egal ob für Alkohol, Schokolade, ja, selbst Hygieneartikel lassen alle Sorgen vergessen.

    Viele Menschen könnte ich bereits zum Nachdenken ermuntern. Plötzlich wandelt sich dann das Bild. Zwingen irgend etwas zu glauben muss man nicht. Nur die Wahrheit zeigen, daß genügt.

    Auch ich bin am überlegen wie zukünftige Landwirtschaft gestaltet werden kann. Ich habe nichts gegen ökologische / biologische oder konvertiere Landwirtschaft.

    Nur sollte doch einmal über die Bilderbuchlandwirtschaft nachgedacht werden. Eigentlich müsste dann jeder Selbstversorger werden denn ein paar Tiere oder Pflanzen ernähren nicht das Volk.
    Und an das, was, wenn die konventionelle Landwirtschaft in Deutschland nicht mehr unsere Lebensmittel produzieren darf, dann importiert werden würde, will ich mich nicht vergiften.

    1. Hallo Bernd,
      danke für den guten Kommentar.
      Ja, Opas Stall, sowas bestaunt man im Museum und sagt, „da war die Welt noch in Ordnung.“
      Dabei ist der moderne Laufstall viel, viel tier- und menschenfreundlicher als „Opas alter Anbindestall“.
      Das dürfen, ja das müssen wir auch zeigen.

      Alois

      1. „Opas alter Stall“ ist echt gut!
        Kommt mal vorbei, dann laufen wir durch den neuen Stall der viel Licht, Luft und Platz hat und wir laufen danach durch den alten noch bestehenden Anbindestall, der nicht „ganz“ so viel Luft, Licht und Platz hat. Wo der Stall 1970 gebaut wurde, war von Tierschutz und Massenhaltung nicht die Rede.
        Heute wo die Stallungen der „Freiheit“ besser angepasst ist redet man von den genannten Schlagwörtern. Schade!

        Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir am Image arbeiten und real aufklären.

        Dieter

        1. Hallo Dieter,
          ja, so ist es.
          Der Unterschied zu damals ist, daß die Leute damals noch näher an Opas Stall dran waren und auch noch wussten, dass man eine Kuh füttern und melken muss, bevor man Milch trinken kann.

          Alois

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