Community heisst Gemeinschaft – nicht Facebook

Gemeinsam sind wir stark!

Gemeinsam sind wir stark!

Jeder kennt diesen Leitspruch, der Friedrich Wilhelm Raiffeisen zugeschrieben wird. Und viele tausend Maschinen-, Erzeuger-, Vermarktungs-, Beratungs-, Handels- und weiß-der-Geier-was-Genossenschaften in bäuerlicher Hand sind der Beweis, wie tief dieser Gemeinschaftssinn in der Landwirtschaft verwurzelt ist.

Was ist denn eine Community?

Das ist das englische Wort für Gemeinschaft und es wird im denglischen Sprachgebrauch genau dann verwendet, wenn erfolgreiche Internet-Strategie gepriesen werden.

Tatsächlich: der Gemeinschaftssinn, ja der Gemeinschaftstrieb des gemeinschaftlichen Wesens Mensch, ist ein enormer Motor des Internets. Bestimmte Themen, Interessen, Neigungen oder sagen wir Fetisch, schweißen die Menschen in Community (Gemeinschaften) zusammen. Mit dem globalen Internet finden nun auf einmal Menschen zu tausenden zusammen, die sonst im Dorf, der Stadt oder Region nur einen Stammtisch bilden würden.

Und immer eine gewisse kritische Masse, der sog. Break-even-Point, erreicht wird, dann stellt sich auf irgendeine Weise die Eigendynamik ein. Ab dann wird es ein Selbstläufer, weil die Kraft der Innovation aus der Gemeinschaft selbst kommt.

Community für landw. Gemeinschaften

Eigentlich müsste das Geschäftsmodell Community bei der Vielzahl landw. Gemeinschaften, Verbänden und Genossenschaften doch weit vertreten sein? Doch da treffen wir genau auf ein Kernproblem von Landwirtschaft und Internet:

Etwas genaues weiß man nicht

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich von Geschäftsleitern und Verantwortlichen von Genossenschaften und Verbänden höre, daß sie doch in Facebook aktiv werden müssten. Weil ich’s konkret wissen will, kriege ich dann meist zwei Argumente genannt:

  1. um für die jungen Mitglieder attraktiv zu sein oder zu werden.
  2. um die Verbraucher aufzuklären und Öffentlichkeitsarbeit zu machen

Ob sie wohl wissen, dass in Facebook die Jungen schon längst auf dem Rückzug sind, weil ihre Alten dort aktiv sind? Mir scheint, ihnen fehlt der eigene Bezug dazu, weil sie es selbst nicht praktizieren. Sie wenden das was sie da empfehlen selbst wenig oder gar nicht an. Aber den eigenen Gemeinschaftssinn mit einer Community zu unterstützen, auf die Idee scheint gar niemand zu kommen.

Facebook ist ein bisschen Alibi

Es dämmert also schon vielen Verantwortlichen, daß sie langsam ein Problem haben mit der Internetverweigerung, und da ist der Weg auf Facebook zu verweisen auch bequem und irgendwie risikolos.

  • Es kostet nichts (zumindest muss man keine Investitionen rechtfertigen)
  • Alles funktioniert schon, niemand muss sich damit richtigt befassen
  • Man kann sofort Erfolge melden (Auf Facebook zu sein ist ansich schon ein Erfolg)
  • Wenn’s schief geht, dann lag es an Facebook
  • Man muss keine richtige Verantwortung übernehmen

Der Mechanismus von Facebook-Gruppen birgt sicher den Charme eine Art Community auf die Beine zu stellen, weil der Anfang ganz leicht gemacht ist. Gemeinsame Pinnwand, automatische Benachrichtigungen, gemeinsame Dokumente, Kalender) Doch man sollte doch als Verantwortlicher einer solchen Unternehmung genau wissen, was man damit eigentlich tut.

Man baut auf fremdem Grund

Denn Facebook ist keineswegs eine Gemeinschaft, die in irgendeiner Weise dem Raiffeisen nacheifert, sondern eine Werbeplattform. Und folgt aber ganz klar einem amerikanischem, börsenorientiertem Businessplan: Datensammeln um gezielt Werbung zu verkaufen. Das ist auch in irgendeiner Weise legitim, denn dafür bekomme ich doch auch sehr viel Leistung umsonst.

Und wer schon mal versucht hat seine Daten (Mitglieder, Dateien, Termine) wieder auf Facebook rauszubekommen, der weiß was ich damit meine.

Fokussierung auf den Sinn der jeweiligen Gemeinschaft

Aber um eine richtig performante Community hinzukriegen, ist die liebevolle Fokussierung auf die Bedürfnisse der Mitglieder notwendig. Da ist Flexibilität gefragt und hier stößt Facebook schnell an seine Grenzen.

Oder kann es sich jemand vorstellen, Pflanzenschutzberatung und nachfolgende Bestellungen an regionale und überregionale Händler in eine Facebook-Gruppe zu installieren?

Dazu sind anpassungsfähige Software und Schnittstellen notwendig, weil sowas auf Interaktionen mit dem Mitglied hinausläuft. Also Sachen, wie Bestellungen, Meldungen, Beratungen, Shopanbindungen und Datenablage in Onlinespeicher. Ganz wichtig ist, dass man selbst Herr der Daten und Dinge bleibt. Steht das Fundament, dann spricht nichts dagegen mittels Facebook-Api (Schnittstellen) auch bei Facebook mitzumischen.

Aber soweit kommt es eh nicht

Denn wenn sich ein Verband oder eine Gemeinschaft dem Thema Facebook widmet, dann entbrennt meistens sowieso ein oftmals hitziger Dialog von Befürwortern und Gegnern. Ja, es gibt durch aus Menschen, die aus Prinzip niemals sich bei Facebook anmelden werden.

Leichter haben es dagegen landw. Firmen und kommerzielle Genossenschaften oder auch Verlage, weil diese sich in der Regel nicht mit basisdemokratischen Grundsatzdiskussionen sich herumschlagen müssen. Aber dort herrscht eine andere Angst.

Die Angst vor dem Flop und der Fehlinvestition.

Darum sind die Firmen vorsichtig und planen meistens sehr akribisch. Das treibt aber wiederum den Umfang der Projekte schnell in die Höhe und das Risiko wird aber nicht geringer, sondern nur die Höhe des Risikokapitals.

Das Ergebnis ist: Nichts tun = keine Fehler

Viele tausend landwirtschaftliche Gemeinsam-sind-wir-stark Firmen und Verbände und fast keine Online-Initiativen die sich trauen diesen Gemeinsam-sind-wir-stark Grundsatz auch Online leben.

Ich glaube jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das passiert. Weil der Raiffeisensche Grundsatz nachweislich wirkt, wird er sich auch in der landwirtschaftlichen Onlinewelt etablieren.

Und deshalb möchte ich hier am Ende meines Beitrages Mut machen, indem ich auf ein erfolgreiches Beispiel einer Online-Community verweise, die es eigentlich (nach gängigem Online-Klischee) gar nicht geben dürfte.

Unglaubliches Beispiel: www.feierabend.de

Eine Online-Community von Senioren – wo das Internet doch nur etwas für die Jungen ist, nach gängigem Online-Klischee.

Im Jahre 1998 gestartet und zuerst belächelt, weil Rentner als Zielgruppe für Internet unmöglich galten, ist die Community Feierabend.de mit mehr als 100.000 Mitgliedern DIE führende Lifestyle-Internet-Plattform für ältere Menschen ab 50 plus. Jüngere werden dort einfach abgewiesen.

Wären die Initiatoren dem Klischee gefolgt, dass Internet nur etwas für jüngere Leute ist, dann dürfte es diese erfolgreiche und rentable Community nicht geben.

In diesem Sinne täte etwas Esprit und Mut allgemein gut, um den Gemeinsam-sind-wir-stark Gemeinschaftssinn auch mal in Online-Communities anzugehen.

Denn bewahren heisst nicht auf das Feuer aufpassen bis es erlischt, sondern dem Feuer beizeiten Nachschub zu geben, damit es weiter brennen kann!

Liebe Verbände: Schafft Euch Euer Netz

Alois

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6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Richtig so Alois! Bisher hat leider noch keine Community für Agrarunternehmen die „gewisse kritische Masse“ erreicht. Bleibt mir nur die Hoffnung, dass Du es mit Deinem Engagement schaffen könntest…

    Gruß aus Braunschweig
    Joachim

    1. Hallo Joachim,

      wenn sich diejenigen, die einen gemeinsamen Wunsch haben zusammentun, dann hast Du schon das Fundament für eine Community.
      Es ist der verbindende Sinn, nicht die Software, die sowas vorantreibt.

      Ich sehe zur Zeit den größten verbindenden Sinn bei Landwirten darin, dass sie sich überall zu unrecht an den Pranger gestellt fühlen. Vor allem bei Euch in Niedersachsen. Da tun sich mittlerweile viele Online ein wenig organisieren, in geheimen Facebook oder Google-Plus Gruppen. Wenn sich da Strukturen herausbilden, dann kann das ein Weg sein.

      Herzliche Grüße aus dem Allgäu nach Braunschweig
      Alois

      1. Dann muss wohl ein Fehler aufgetreten sein. Ich hatte einen Kommentar verfasst (mit dem Handy) und war mir nicht sicher obs den gesendet hat, weil keine Bestätigung kam. Beim erneuten Senden kam dann der Hinweis mit Verdacht auf doppelte Antwort oder so.

        Ich hatte geschrieben. „Aber Facebook ist doch so wunderbar einfach, man kan sich mit Informationen berieseln lassen, da und dort mal ein gefällt mir da lassen, keiner weist einen in die Schranken. Dazu noch ein wenig Selbstdarstellung. Das kann kaum eine neue oder alte community leisten, weil die fordern Initiative die nur wenige leisten wollen. Aber das ist kein Phänomen der Landwirtschaft, das zieht sich durch alle Bereiche vom autoforum bis zur fotocommunity. ..“

        Denn ich bin der Meinung so eine Vernetzung bzw Communiy erfordert genausoviel Einsatz von allen Beteiligten wie im „analogen“ Leben und das ist gerade in der heutigen Zeit sehr schwer am Leben zu erhalten gerade durch die Konkurrenz Facebook und Co.

        1. Hallo Matthias,

          ich freue mich über jeden Kommentar. Auch bei Gegenwind. 😉

          Du hast in dem Punkt freilich recht, dass Facebook sehr vieles einfacher gemacht hat und einfacher macht.
          Mein Credo ist, den eigenen Gemeinschaftssinn nicht wegen Facebook einfach aufzugeben.
          Da gibst Du sonst Deine Identität dem Facebook. Und es besteht leicht die Gefahr, dass alles irgendwie verschwimmt.
          Vor allem landw. Verbände oder Genossenschaften würden dann auf fremden Grund bauen. Will man dann spezielle Funktionen für die Gemeinschaft einbauen, dann wird es teuer, bis unmöglich.

          Wenn man es vom Konzept her aber andersrum macht, z.B. eigener Memberbereich in der Homepage, dann kann ich von dort aus mich mit Facebook verbinden. Behalte aber den Kern bei mir.
          Wie in https://www.netzlandwirt.de/homepage-oder-facebook-oder-beides/ beschrieben.

          Wie im richtigen Leben führen halt viele Wege nach Rom.
          Es wäre insgesamt schön, wenn in der Landwirtschaft und von dem Landwirten und Bäuerinnen selber mehr passieren würde.

          Alois

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