Aus den Augen – aus dem Sinn

Das Sprichwort: „Aus den Augen – aus dem Sinn“ beschreibt gut die Situation beim Image der Landwirte. Sie werden einfach nicht mehr gesehen, nicht mehr wahrgenommen. Die Kritiker der modernen Landwirtschaft jedoch schon. Das können wir ändern!

Informationsverfügbarkeit entscheidet

Daniel Kahneman ist ein verdienter Wissenschaftler. Er bekam als Psychologe im Jahre 2002 den Wirtschafts-Nobelpreis für seine „Erwartungstheorie“ . Kahneman legte in seinen Forschungen offen, dass das unbewusste menschliche Denksystem bei allen Menschen gleichermassen funktioniert und deshalb präzise vorhergesagt werden könne. Eine dieser fundamentalen Eigenschaften des menschlichen Denksystems ist demnach die „Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn“ Regel: Informationen würden für das menschliche Gehirn umso wahrer, je zahlreicher sie vorhanden seien. *(Siehe Buchtipp) Dabei spielt es nach Kahneman keine Rolle ob die Informationen richtig oder falsch sind. Der Mensch wertet vielfache Informationen als wahrer als einzelne Infos. Denken wir nur mal daran, was wir von einer Nachrichten halten, die man nur von einer einzige Person gehört hat – oder wenn alle Leute um uns herum dasselbe berichten.

Landwirte und ihre Arbeit sind nicht mehr sichtbar

Früher, vor 30 oder 40 Jahren, war die Verfügbarkeit der Informationen der Landwirtschaft ganz natürlich durch die tägliche Arbeit der Bauern überall noch gegeben. Die Landwirte, ihre Höfe, ihre Arbeit und ihre Produkte waren in Dörfern und Vorstädten sichtbar. Jeder Bürger hatte persönlichen Kontakt zu Landwirten, deren Familien und deren Wirtschaftsweise. Der massive Strukturwandel der letzten Jahrzehnte hat das gewaltig verändert. Die Landwirte mit ihren Familien prägen längst nicht mehr die Ortschaften. Die gewachsenen Zukunftshöfe siedelten aus, die Tiere stehen meist in hygienisch abgeriegelten Ställen und die Schlepper sind so hoch geworden, dass nicht einmal mehr ein Blickkontakt erhascht werden kann. Zudem arbeiten Landwirte lieber als dass sie persönliche und soziale Kontakte pflegen. Das empfinden sie als unnütz und Zeitverschwendung.

Verfügbarkeits-Kaskade oder je mehr desto besser

So aussichtslos die „Aus-den-Augen“ Situation auch sein mag, so einfach sind nach Daniel Kahnemans Forschung mögliche Lösungen dazu. Vielfache und zahlreich bestätigte emotionale Gut-Botschaften entwickeln sich nämlich zu sogenannten „Verfügbarkeitskaskaden“. Die Wahrnehmung steigt ganz einfach. Die Kritiker der modernen Landwirtschaft wenden dieses Wissen bereits jahrelang mit ihren Kampagnen an. Nach Kahneman spielt die Wahrheit der Information einer solchen Kampagnen eine untergeordnete Rolle. Die Triebfeder ist die Emotionalität. Insofern sind z.B. die Klarstellungen von Fakten bei Antibiotika oder Glyphosat mehr oder weniger wirkungslos, wenn sie nicht  emotional berühren. Im Gegenteil:  lautstarke öffentliche Rechtfertigungen verstärken sogar die Verfügbarkeit der falschen Information einer solchen Kampagne.

Wenn es von Herzen kommt muss es nicht perfekt sein

Ich höre oft von Landwirten, dass sie deshalb nicht in die Öffentlichkeitsarbeit gehen, weil sie fürchten nicht gut genug zu sein. Sie haben Angst, öffentlich Fehler zu machen. Nehmen wir Kahneman’s wissenschaftliche Erkenntnisse, so kann man in Punkto öffentlicher Meinungsbildung eigentlich nur einen Fehler machen: Nichts zu machen und keine Informationen zur Verfügung zu stellen!

Über die Meinungsbildung entscheidet nach Kahneman maßgeblich die Verfügbarkeit von Informationen. Deshalb sind die Medien so entscheidend, weil sie als Multiplikator und Verstärker wirken.

Durch den Medienwandel hin zu den sozialen Medien öffnen sich für die Landwirte die Chance, die Verfügbarkeit, also die Masse an landwirtschaftlicher Informationen zu erhöhen. Am Beispiel des Verbraucherbriefes von Bauer Willi wurde gezeigt, dass dieser emotionale Brief sich zu einer astreinen Verfügbarkeitskaskade nach der Lehre  Kahnemans entwickelte. Das massive Zustimmen und Teilen der Leser in den sozialen Medien veranlasste die Mainstream-Medien innerhalb nur einer Woche das Thema des Briefes für die eigene Berichterstattung und Recherche zu übernehmen. Das hat dann letztlich einen Bauern erstmals in eine Talkrunde mit Günther Jauch geführt – aber ohne Skandal, wie sooft vorher.

Dieser Brief war nun absolut nicht perfekt, aber emotional passend. Eine künftige Strategie muss also sein, noch mehr solcher emotionaler, bäuerlicher Informationen zu senden um die Verfügbarkeit im Gesamten zu erhöhen. Die Bauern müssen anfangen,  selbst Öffentlichkeitsarbeit zu machen, anstatt zu warten bis andere aktiv werden.

In diesem Sinne: Schaff Dir Dein Netz

Euer Alois

 

 

 

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