Füttere mich – aber mach mich nicht satt

Ich bin so satt und mag kein Blatt

 Essen ist für den Menschen überlebensnotwendig. Aber wenn es immer und überall verfügbar ist, dann entsteht das Gefühl, dass wir uns gegen die Nahrung wehren müssen.

Dieses Zitat stammt aus einem Podcast von SWR2 vom 8.1.2015. über die natürliche „somatische Intelligenz“ des Menschen, die vom Gesundheitswissenschaftler Thomas Frankenbach beleuchtet wird.

Wir haben es satt

Dann ist das Motto der 5. Massendemonstration am 17.01.2015 in Berlin ja vielleicht eine natürliche Reaktion von permanent satten Menschen.

Dagegen oder dafür?

Schaue ich mir die angegebenen Ziele der „Bewegung“ an, dann kann, ja dann muss ich mich eigentlich als Mensch und Landwirt diesen sofort anschliessen:

  • Recht auf Nahrung weltweit
  • Gesundes und bezahlbares Essen für alle
  • Faire Preise und Marktregeln für die Bauern
  • Artgerechte Tierhaltung ohne Antibiotika-Missbrauch
  • Freiheit für die Saatgutvielfalt
  • Bienen- und umweltfreundliche Landwirtschaft
  • Förderung regionaler Futtermittelerzeugung
  • Zugang zu Land weltweit für alle

Bäuerliche Landwirtschaft

Doch viele, vielleicht sogar die meisten Bauern stehen dieser Bewegung sehr skeptisch gegenüber. Diese Stimmung gibt eine aktuelle Petition einer Landwirtin Ausdruck:

Erkennen Sie die Leistungen von uns Landwirten öffentlich an! Reden Sie mit uns und nicht über uns!

Die Mehrzahl der Landwirte fühlt sich also durch die „Wir-haben-es-satt-Bewegung“

  • angegriffen
  • gekränkt
  • ja daemonisiert.

Wie kann das sein?

Es sind nicht die Ziele, die den Bauern Angst machen, sondern es ist die seit Jahren erfahrene Art der kalten Enteignung und des Zwanges, die immer dann folgt, wenn grüne oder linke Ideologie an die Macht gelangt.

Verordnungen und Zwang

Egal ob Mietpreise, Hundehaltung, oder der inzwischen wieder abgesagte Veggie-Day. Der Begriff Verordnung ist bei den Grünen fest im Programm und so wichtig, dass er sogar über 500 mal auf ihrer Internetseite gefunden wird. Beim Landwirt jedoch treibt jede neue oder verschärfte Verordnung die Kosten (und den Blutdruck) nach oben, bis hin zur kalten Enteignung, wenn ich zwar mein Land noch besitzen aber es nicht mehr nutzen kann.

Märkte und Einkaufsverhalten lassen sich nicht verordnen

In der FAZ brachte der Journalist Jahn Grossarth es folgender Maßen auf den Punkt.

Wer die Massentierhaltung abschaffen will, muss sagen, woher Fleisch, Milch, Eier, Leder und Daunen kommen sollen. Eine mögliche Antwort lautet: aus Massentierhaltung im Ausland. Eine andere: Es gibt diese Produkte dann eben nicht mehr günstig für die Masse. Oder man ersetzt sie durch pflanzliche oder chemische Stoffe. Oder viele Leute ziehen wieder aufs Land und halten Tiere, so wie früher. Alle Konsequenzen wären gravierend. Es scheint trotzdem manchem kein Widerspruch, mit Bratwurst in der Hand zu sagen, man sei jetzt auch Vegetarier. [Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/vorurteile-alle-gegen-die-massentierhaltung-13341798.html vom 26.12.2014]

Es satt zu haben ist noch lange keine Kompetenz

Fachlich und praktisch falsche Behauptungen sind ein weiterer Baustein der sehr, sehr viel Vertrauen kostet. Komplexe Zusammenhänge werden zu simplen Parolen zusammengefasst. Wie z.B. je mehr Tiere, desto weniger Tierschutz. Das ist aber definitiv falsch. Genausogut könnte ich behaupten je größer das Krankenhaus, desto schlechter sei die medizinische Versorgung.

Praxis ist Kompetenz

Die Laufstallhaltung von Rindern und Milchkühen beispielsweise ist ein Verdienst der modernen, produktiven Entwicklungen. Nicht die Bio-Schiene hat das vollbracht, sondern die Absicht größere Einheiten von Kühen produktiv managen zu können. Dies führte dazu die Milchkuh im Laufstall „freizulassen“. Wenn ich daran zurückdenke, dass auch in meines Vaters Stall die Kühe ein ganzes halbes Jahr im Winter angebunden waren, sich also nicht bewegen, geschweige denn an die frische Luft gehen konnten, dann weiss ich daß jede Laufstallkuh heute besser dran ist. Und wir hatten damals 20 Kühe, würden also nach der „Mehr-Tiere = Mehr Leid“ Definition als super-kleinbäuerlich-wünschenwert durchgehen.

Anerkennen der Leistungen

Ohne Ideologie wird der Blick frei auf das Wesentliche der bäuerlichen Landwirtschaft:

Der Bauer macht Land urbar, gestaltet und bewirtschaftet es, baut seinen Hof, füttert Tiere, um davon Ertrag zu haben. Für seinen Unterhalt, für seine Familie. Und er will diesen Hof intakt, also voll ertragsfähig, an seine Nachkommen weitergeben.

Diese Grundhaltung setzt weltweit gewaltige Kräfte frei, das motiviert seit jeher die Generationen. Darum arbeiten die meisten Landwirte eher zuviel als zuwenig, weil sie für sich, für ihre Familie es tun. Das ist doch die gute Geisteshaltung schlechthin für jeden Staat, für jede Gesellschaft.

Natürlich gibt es auch Baustellen, viele Dinge, die verbessert werden können und müssen. Aber bäuerliche Intelligenz ist „bewahrenden Progressivität“, die immer den Weg nach vorn sucht und dabei aber das Bewährte, das Tragende nicht leichtsinnig verläßt. Deshalb verstehen die Landwirte auch nicht, warum die Satten ihre Ernährer angreifen? Oder wer sägt denn bewusst an dem Ast auf dem er sitzt?

Wir machen Euch satt

Geht also gerne mit zur Demo am 17. Januar in Berlin. Sehr wahrscheinlich trefft Ihr dort Landwirte, die Euch sagen: „Wir machen Euch satt“. Geht auf sie zu und sucht die Gemeinsamkeiten.

Oder noch besser: fastet 3 Tage vor der Demo. Ich bin mir sicher Eure „somatische Intelligenz“ wird Euch dann viele positive Gedanken mit auf den Weg geben, wie Dankbarkeit und Anerkennung für ein Miteinander.

Petition unterzeichnen

Letzlich bitte ich heute meine Leser die Petition zu unterzeichnen. Ich bitte auch die Petition über die Landwirtschaft hinauszutragen. Ich rufe explizit auch Wir-haben-es-satt-Teilnehmer auf anzuerkennen. Jeder Unterzeichner kann auch sein eigenes Statement dazu absetzen. Sagt was Euch bewegt. Positiv wie auch kritisch. Aber macht den ersten Schritt der Anerkennung.

 

In diesem Sinne. Schaff Dir Dein Netz Arbeiten wir weiter am Netzwerk Landwirtschaft

Alois

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5 Kommentare, sei der nächste!

    1. Hallo Herr Fuchs,

      danke für den Kommentar.
      Ja, wir Bauern sollten durchaus auch die „Anderen“ verstehen (wollen). Denn nur so kriegen wir den Dialog hin. Mit ständigen Beschuldigungen geht es nicht.
      Ich sehe auch, Sie kommen voran mit wirbauern-online.at

      Ich freue mich auf weiter Kontakte.

      AW

  1. Hallo Herr Wohlfahrt,

    ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Tierhalter von den Demo-Teilnehmern generell und pauschal als Mörder beschimpft werden.
    Es kommt halt immer auf die Art und Weise der Tierhaltung an. Bei Adrian Straathof dürfte der Vorwurf allerdings zutreffend sein.
    Das sich konventionell produzierende Landwirte in steigender Zahl an unseren Demos beteiligen, bestätigt doch vielmehr die Tatsache, dass wir gemeinsam nach neuen Wegen in der Landwirtschaftspolitik suchen müssen.
    Ein auseinander dividieren von Bauern und Bevölkerung darf es nicht geben. Alle Bemühungen von Verbänden und Organisationen, die darauf abzielen, gilt es zu unterbinden.
    Wenn man die Agrarpolitik in Niedersachsen beobachtet, was wir als BI natürlich sehr intensiv tun, stellt man fest, dass der „Bauernschreck“ Christian Meyer gar kein so großer Bauernleger ist, wie er vom Landvolk oft dargestellt wird.

    Natürlich ist die Agrarwende nur im Konsens mit den betroffenen Landwirten machbar. Das hat unser Landwirtschaftsminister schon immer gewusst und so richtet er seine Politik aus.
    Das Problem, das auch wir bei unseren Dialogversuchen immer wieder feststellen, liegt oftmals in der Zerstrittenheit der Bauern untereinander.
    Anstatt über die eigenen Hofgrenzen zu schauen und gemeinsame Ziele zu entdecken und zu erarbeiten, verharrt man im Konkurrenzdenken, „Wer hat den größten und fettesten Hof, Schlepper, Gewinn….“
    Da gönnt keiner dem anderen das „schwarze unter dem Nagel“.
    Zwar wissen alle, dass es so nicht weiter gehen kann aber jeder denkt insgeheim, wenn ich nur schneller wachse als meine Kollegen, werde ich überleben und sterben müssen dann nur die anderen.

    Das wir eine gut aufgestellte Landwirtschaft benötigen, die uns satt macht, ist allen Demo-Teilnehmern bekannt.
    Wir fordern eine bäuerliche, mittelständische Landwirtschaft, die von ihren Erträgen zumindest durchschnittlich (im Vergleich zu allen anderen Berufsgruppen) leben kann und die über die Mittel verfügen muß, die den Erhalt ihrer Höfe sicherstellen. Das die Produktion dabei natürlich umwelt-, natur- und tierschutzgerecht ablaufen muss, gehört dabei allerdings auch zu unseren Grundforderungen.

    Wir sind in sehr vielen Punkten sicher ganz eng beieinander und die jetzt noch strittigen Punkte werden wir nur im Dialog lösen können.
    Wir sollten nur damit mal anfangen und unsere jeweiligen Wagenburgen verlassen.

    In diesem Sinne

    Beste Grüße

    Wolfgang Weuster
    Bürgerinitiative Flotwedel für einen respektvollen Umgang mit Nutztieren

    Es gibt keinen objektiven Grund für die Annahme, dass menschliche Interessen wichtiger seien als tierische.
    Bertrand Russell, 1872-1970, brit. Philosoph, Pazifist und Nobelpreisträger

    1. Hallo Herr Weuster,
      das Fordern ist ja das Eine.
      Das Umsetzen das Andere.
      Letzlich wird es im Markt entschieden.
      Gerechte Preise gibt es nicht, sondern es gibt den Preis, den ich im Markt durchsetzen kann, oder auch nicht.
      Darum kann solidarische Landwirtschaft nur dann funktionieren, wenn es eine Solidarität der Marktpartner gibt.
      Die sehe ich momentan nicht.
      Aber wir sollten es versuchen. Und da ist ein erster Schritt die Kommunikation untereinander ohne ständige Konfrontation.

      Herzliche Grüße aus dem Allgäu
      AW

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